Myoklonische Frühenzephalopathie
Von ReR - MedToday! | 23. September 2010 | Kategorie: Online-Magazin | 1 Kommentar »Das sogenannte Dravet-Syndrom (DS) tritt mit einer Häufigkeit von 1:40.000 auf und gehört somit zu den seltenen Krankheiten, auch “orphan disease genannt. Die schwere myoklonische Epilepsie des Kindesalters, im Englischen “Severe Myoclonic Epilepsy in Infancy (SMEI)”, wurde nach der französischen Kinderepileptologin Charlotte Dravet benannt, welche die frühkindliche Grand-mal-Epilepsie im Jahr 1978 zum ersten Mal beschrieben hatte.
Seltene Erkrankungen sind oft lebensbedrohliche oder chronisch einschränkende Erkrankungen, die einer speziellen Behandlung bedürfen. Diese meist genetisch bedingten Erkrankungen sind oft schwer therapierbar und führen zum Teil schon im Kindes- oder Jugendalter zum Tod. Außerdem gibt es zu wenig Informationen und kaum systematische Studienmöglichkeiten, die eine zielgerichtete Therapie erlauben.
Um eine seltene Krankheit handelt es sich in der Europäischen Union, wenn es weniger als 228.000 Patienten gibt, d. h. eine Krankheit die relative Prävalenz von <1:2.000 aufweist. Zusammengenommen sind diese Krankheiten aber durchaus kein seltenes Phänomen: allein in Deutschland gibt es mehrere Millionen Betroffene!
In der Regel ist es für die pharmazeutische Industrie wirtschaftlich uninteressant, Arzneimittel gegen sie zu entwickeln. Aus diesem Grund wurden von verschiedenen Staaten Verordnungen und Gesetze erlassen, um die Behandlung dieser Krankheiten zu fördern. Zunächst erließ die USA den Orphan Drug Act. Im April 2000 wurde von der EU in Europa die Verordnung über Arzneimittel zur Behandlung seltener Leiden in Kraft gesetzt.
Wie viele dieser seltenen Erkrankungen wird auch das Dravet-Syndrom durch einen Gendefekt verursacht. Ursache der epileptischen Anfälle sind neuronale Spontanentladungen in Folge pathologisch verändertem Schaltverhalten (Gating) zentralnervöser spannungsabhäniger Natriumkanäle (NaV). Die Dysfunktion der Ionenkanäle beruht auf einer Spontanmutation des für die Alpha-Untereinheit der Kanäle codierenden SCNA1-Gens (Kanalopathie). Das heißt, dass der Defekt des SCN1A-Gens nicht vererbt wird, weswegen die Eltern, Geschwister oder andere Familienmitglieder in der Regel keine Erkrankung aufweisen.
Seltene Krankheiten sind für die Patienten und ihre Familien mit hohen Belastungen verbunden. Wie auch im Fall von Drake Current: Am 05. August 2010 erhielt Familie Current die offizielle Diagnose “Dravet syndrome”.
Beim Dravet-Syndrom kommt es typischerweise bei einem zunächst gesunden Kind im ersten Lebensjahr zu Krampfanfällen bei einer Erhöhung der Körpertemperatur in Folge fiebriger Infekte, Impfungen, Anstrengung und kalter/warmer Bäder. Die Anfälle dauern meist ungewöhnlich lange, können in einen Status epilepticus münden oder sich auch als fokale Anfälle äußern, daher sollten auslösende Stimuli, wie zum Beispiel auch psychischer Stress, vermieden werden. Körperliche Anstrengungen, z. B. “toben”, sollten überwacht werden. Bei vielen Betroffenen hat sich ein Überwachungsgerät für Puls- und Sauerstoffsättigung (Pulsoxymeter) bewährt.
Im Krankheitsverlauf verändern sich die Anfallsformen mit anfänglich überwiegender Myoklonie (zweites bis drittes Lebensjahr), die im höheren Lebensalter von großen tonisch-klonischen Anfällen abgelöst werden. Begleitend treten anfallsbedingte hirnorganische Entwicklungsstörungen mit psychomotorischer Retardierung und Ataxie hinzu.
Wegweisend für die Diagnostik des Dravet-Syndroms ist das Symptombild. MRT- und EEG-Befund sind im Anfangsstadium unauffällig. Im weiteren Verlauf können pathologische Krampfpotentiale (Spikes) im EEG ableitbar sein. Der Mutationsnachweis kann acht Wochen nach Probeneingang labordiagnostisch durch PCR-Amplifikation und Sequenzierung des SCNA1-Gens aus Leukozyten-DNA (molekulargenetische Untersuchung) erbracht werden.
Aus einer Blutprobe (oder einem Wangenschleimhautabstrich) wird genomische DNA isoliert und alle 26 Exons des SCN1A-Gens einschließlich der Intron-/Exon-Spleissstellen amplifiziert. Die Mutationssuche erfolgt durch direkte DNA-Sequenzierung der Amplifikationsprodukte (Stufe I: Mutationssuche im SCN1A-Gen, humangenetisches Gutachten). Bei fehlendem Mutationsnachweis und Nachweis ausschließlich homozygoter Polymorphismen MLPA zum Ausschluß oder Nachweis von intragenischen Mikrodeletion (Stufe II: Deletionsdiagnostik im SCN1A-Gen, humangenetisches Gutachten).
Differentialdiagnostisch sind infantile Epilepsie-Syndrome anderer Genese (West-Syndrom, Lennox-Gastaut-Syndrom) auszuschließen. Borderline SMEI (SMEB) ist charakterisiert durch ähnliche Symptome wie beim Dravet-Syndrom, wobei allerdings Merkmale der SMEI wie z. B. myoklonische Anfälle oder eine generalisierte Spike- und Wave-Aktivität normalerweise fehlen. Die Vererbung ist autosomal-dominant und beruht auch auf Mutationen im SCN1A-Gen.
Die humangenetische Untersuchung ist bei gesetzlich Versicherten nicht budgetiert. Kosten von mehr als 1.000 Euro können bei aufwendigen Untersuchungen nach der jeweiligen Fragestellung entstehen. Bei privat Versicherten sind alle medizinisch indizierten humangenetischen Untersuchungen Bestandteil der Regelversorgung. Die Kostenübernahme sollte in jedem Fall vorab mit der Krankenkasse geklärt werden.
Die Behandlung des Dravet-Syndroms ist in Folge hoher Pharmakoresistenz gegenüber Antikonvulsiva schwierig. Natriumkanalblocker (z. B. Phenytoin) sind aufgrund ihrer anfallsverstärkenden Wirkung kontraindiziert. Ein gutes Ansprechverhalten zeigt sich gegenüber Valproat oder Topiramat. Ein “Notfallausweis” kann verhindern, dass im Notfall kontraindizierte Medikamente gegeben werden.
Für die weitere positive Entwicklung des Kindes ist eine krankheitsangepasste Physiotherapie und Logopädie meist sehr förderlich.
Neben der medikamentösen Behandlung kann sich die ketogene Diät, eine streng kohlenhydratlimitierte, protein- und kalorienbilanzierte und deshalb fettreiche Form der diätetischen Ernährung, bei dieser Erkrankung positiv auswirken. Diese Diät imitiert den Hungerstoffwechsel in bestimmten Aspekten. Durch sie bezieht der Körper seinen Energiebedarf jedoch nicht aus Körperfett (wie beim Hungern) sondern aus Nahrungsfett. Die ketogene Diät wird auch als Therapieverfahren vor allem bei Kindern mit Glukosetransporterstörung (beispielsweise GLUT1-Defizit-Syndrom) oder Pyruvatdehydrogenasemangel eingesetzt. Sie muss individuell berechnet und ärztlich überwacht werden.
Weitere Informationen zum Thema finden Sie hier.
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